Als die Industrie gemeinsam mit den Behörden am 6. Juni 2006 zu einer
Pressekonferenz einlud, um die Ergebisse der TNO-Replikationsstudie mit
grossem "Trompetenschall" zu publizieren, war es den Insidern bereits
klar: Die Befunde der holländischen Studie, welche damals
Befindlichkeitsstörungen und objektive Symptome nach Bestrahlung mit
GSM- und UMTS-Signalen fand, konnten nicht bestätigt werden.
Zum Vergleich: Die wenige Wochen zuvor in der wissenschaftlichen
Literatur veröffentlichte Nachfolgestudie zum Radiosender Schwarzenburg
("Shut Down Study"), welche nochmals Schlafstörungen und Absenkungen des
Melatoninpegels durch Kurzwellenbestrahlung bestätigte, wurde von den
Behörden und der Industrie nirgendswo erwähnt. Denn wenn eine Studie
einen Effekt findet, gibt es keine Pressekonferenz. Dann sitzt man sie
einfach aus.
Daher wissen Sie wahrscheinlich auch nicht, dass es heute bereits über
600 Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen von Funkstrahlung gibt
(wobei 75% davon Effekte fanden). Nur:
Wieso reproduzierte man ausgerechnet die "TNO-Studie"? Hierfür gibt es 4
Gründe:
1. Grund: Die zu untersuchenden Effekte sind gering und daher politisch
fast irrelevant
BAKOM-Chef Marc Furrer bestätigte bereits letztes Jahr im "Beobachter",
dass der Ausgang dieser Studie keinen Effekt auf die Strategie des
Bundesamtes für Kommunikation haben wird, da die in Holland gefundenen
Effekte minimal wären. (Anm. der diagnose-funk: Dauernde Übelkeit bei
24-stündiger Bestrahlung von Antennen-Anwohnern ist eben der Preis des
Fortschrittes.)
Die Studie lässt ohnehin keine Rückschlüsse auf die mittel- und
langfristigen Folgen einer 24-stündigen Bestrahlung zu . Sie lenkt ab
von den wirklichen Problemen der Funkstrahlung: Der Öffnung der
Blut-Hirn-Membran (Alzheimer, Parkinson), der Störung der
Zell-Kommunikation (Krebs), den Erbgutschäden (Krebs), den
kardiovaskularen Effekten und Stressreaktionen (Herzinfarkt), den
"Geldrollenbildungen" im Blut (Hirnschlag), den Schlafstörungen und
vielen anderen Effekten.
2. Grund: Bei Laborstudien mit diesem Design (kurzzeitige Provokation)
kann das Ergebnis leicht durch das Studiendesign beeinflusst werden:
Aus der Erfahrung um Antennen weiss man, dass nur sehr wenige
elektrosensible Personen eine kurzzeitige Bestrahlung empfinden können
(="Elektrosensitivität"). Rund 5% der Bevölkerung sind Elektrosensibel,
wesentlich weniger spüren Felder in dem hier untersuchten Zeitraum von
45 Minuten. Die Elektrosensibilität nimmt mit dem Alter der Person
erheblich zu, und das erste Anzeichen einer solchen Sensibilität sind
meist Schlafstörungen.
Die schweizerische TNO-Replikation wurde nun folgendermassen angelegt
(z.T. zitiert von Bürgerwelle Schweiz):
- Die Probanten waren im Durschnitt 20 Jahre jünger als bei der
holländischen TNO-Studie,
- Probanten mit Schlafstörungen wurden zur Studie nicht zugelassen.
(Dies ist jedoch gerade der sensiblere Anteil der Bevölkerung.)
- Der Anteil der Elektrosensiblen war 2.5fach kleiner als der Anteil der
Unsensiblen.
(In der Originalstudie war dieser Anteil etwa 1:1).
- Das Signal war ein regelmässiges Standby-Signal, welches biologisch
weniger anregt als die unregelmässigen
Signale der Originalstudie. (Streng genommen kann man daher nicht von
einer "Replikation" der TNO-Studie sprechen.)
Dem Studienleiter wird durch die Auswahl der Probanten ein grosser
Spielraum gegeben ("Selektions-Bias"). Er wurde offenbar genutzt. Dass
trotzdem einzelne sensible Personen heftig auf die Strahlung reagierten,
wissen wir durch direkte Kontakte zu den Betroffenen. Im aktuellen
K-Tipp Nr. 12 finden sie Aussagen solcher Personen im Artikel "Mir wurde
schwindlig - «Keine kurzfristigen Auswirkungen auf das Wohlbefinden»,
sagt die neue Schweizer UMTS-Studie. Studienteilnehmer erlebten das
Gegenteil." In der Publikation zu dieser Studie erfuhr man hiervon
jedoch nichts.
3. Grund: Vorgängerstudien zeigen (aus obigen Gründen) kaum Effekte. Das
Risiko für die Industrie ist kalkulierbar:
Laborstudien zeigen ohnehin seltener Effekte als epidemiologische
Studien ("im Feld"). Am seltensten finden Provokationsstudien an
Elektrosensiblen (wie die TNO-Studie) einen Effekt:
Von 9 Studien zur Felderkennung hochfrequenter Felder durch
Elektrosensible fand keine einzige einen signifikanten Effekt.
(Johansson 1995, Sjöberg & Hamnerius 1995, Andersson et al. 1996, Radon
& Maschke 1998, Barth et al. 2000, Flodin et al. 2000, Lonne-Rahm et al.
2000, Raczek et al. 2000, Hietanen et al. 2002) In 2 dieser Studien
konnten einige Elektrosensible die Felder häufiger erkennen als
Nicht-Sensible, dies jedoch nicht signifikant.
Von 11 Studien zum Auftreten von subjektiven Symptomen bei
hochfrequenter Befeldung von Elektrosensiblen fand man nur in 4 Studien
Zusammenhänge. (Swanbeck & Bleeker 1989, Sandström et al. 1993, Oftedal
et al. 1995, Andersson et al. 1996, Oftedal et al. 1999, Lonne-Rahm et
al. 2000, Flodin et al. 2000, Barth et al. 2000, Hietanen et al. 2002,
Zwamborn et al. 2003, Spegel et al. 2005) Diese waren jedoch bei einer
Studie z. T. invers, und bei einer Studie sehr unerwartet: Die subjektiv
(d.h. selbsterklärten) Symptome waren bei Bestrahlung geringer als ohne
Bestrahlung. (Siehe auch EMF-Monitor 11. Jahrgang Nr. 5,
<outbind://5/www.ecolog-institut.de> www.ecolog-institut.de)
Provokationsstudien mit kurzzeitiger Befeldung eignen sich daher
exzellent, wenn man möglichst keinen Effekt finden möchte.
Ganz anders sieht die Situation bei Langzeitbelastungen aus: In
epidemiologischen Studien z. Bsp. um Mobilfunkantennen (Exposition mind.
1 Jahr lang 24 Std. pro Tag) findet man in allen 5 Publikationen, welche
die Befindlichkeit untersuchten einen signifikanten Zusammenhang zur
Feldstärke oder zum Abstand der Antenne. (Santini et al. 2002, Santini
et al. 2003, Navarro et al. 2003, Oberfeld et al. 2004, Hutter et al.
2006.) Und dies nicht bei der Untersuchung von sensiblen Personen,
sondern in der Allgemeinbevölkerung!
4. Grund: Die Industrie sitzt in der Schweiz fest im Sattel und hat von
ihren Forschern wenig zu befürchten:
Besonders in der Schweiz ist es mit der Unabhängigkeit der Forschung
nicht weit her. Jeder kennt jeden, und wer unangenehme Ergebnisse
liefert fällt sehr unangenehm auf. Dass Geldgeber solcher Studien
generell einen beträchtlichen Einfluss auf die Ergebnisse haben, zeigt
eine Analyse von Prof. Henry Lai (University of Washington at Seattle)
vom letzten Jahr: Er untersuchte die Finanzierung von 308 Studien über
elektromagnetische Auswirkungen, publiziert seit 1994: Effekte auf den
Organismus fanden 70% der unabhängig finanzierten Studien, aber nur 29%
der von der Industrie geförderten Studien.
Zum Vergleich die Lage bei der schweizerischen TNO-Replikation:
Finanzierung der Studie: 723'000 CHF, 40% von der Industrie, 60% vom
Steuerzahler.
Auftraggeber der Studie: Dr.Gregor Dürrenberger, Elektro-Ingenieur
(Mikrowellenelektroniker, angestellt von der Mobilfunkindustrie), Leiter
der Forschungssstiftung Mobilkommunikation an der ETH (kein Institut der
ETH). Die Stiftung wurde von der Mobilfunkindustrie gegründet, und wird
heute massgeblich von der Industrie finanziert.
Leiter der Studie: Dr. Peter Achermann, Elektro-Ingenieur,
"Neurowissenschaftler" (dennoch kein Mediziner), Privatdozent am
Institut für Pharmakologie der Uni Zürich.
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erwartet?
Mit freundlichen Grüssen,
Ihre Redaktion der diagnose-funk
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