Fast jeder besitzt ein Handy, trotzdem führt jeder neue Mobilfunksender zum Aufschrei.
VON KLITZING: Das ist nachvollziehbar, weil viele Personen äußerst empfindlich auf die gepulste Modulation dieser Felder reagieren und auch Krankheitssymptome zeigen. Damit müssen wir verantwortlich umgehen.
Fachleute sprechen von 20000 durchgeführten Studien zur Wirkung von Mobilfunkstrahlung. Ist man immer noch nicht schlauer?
VON KLITZING: Die Zahl bezieht sich auf alle Studien zu elektrischen, magnetischen und elektro-magnetischen Feldern. Zu Mobil-funk gibt es nur knapp 500 Studien, und keine einzige be-schäftigt sich mit den Mobilfunkbasisstationen, die rund um die Uhr senden. Dazu sammeln wir selbst noch Daten. Die Ergebnisse werden wir noch in diesem Jahr veröffentlichen. Zur biologischen Relevanz des UMTS gibt es übrigens keine einzige wissenschaft-liche Publikation, auch wenn das immer wieder behauptet wird.
Die Rede ist meist von einer unschädlichen Wärmewirkung der Strahlung.
VON KLITZING: Was heißt "unschädliche Wärmewirkung"? Die zitierten Studien beschäftigen sich mit der Wirkung des Handys am Kopf. Da kann eine kritische Belastung erreicht werden, und wir kommen durchaus in die Nähe der Grenzwerte. Es spielt aber eine Rolle, wie lange und wie oft ich telefoniere, wie ich mein Handy am Kopf halte und ob ich ein Headset benutze. Skandinavische Wissenschaftler haben kürzlich von einer erhöhten Hirntumorrate berichtet oder auch von einer veränderten Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke. Der Tenor in der Wissenschaft ist: Es gibt da ein Problem. Eine neue Studie der World Health Organisation soll deshalb über fünf Jahre laufen und den Zeitfaktor sowie die ständig sendenden Basisstationen einbeziehen.
Der Mobilfunksender macht Angst. Doch strahlen andere Geräte nicht mindestens ebenso heftig?
VON KLITZING: Die technisch vergleichbaren schnurlosen DECT-Telefone im Haus sind meist ein größeres Problem als der Mobilfunksender 100 Meter vor der Tür. Erste Daten von Kinderärzten belegen Blutbildveränderungen bei Kindern, die von DECT-Telefonen verursacht wurden. Auch drahtlose Übertragungssysteme wie "BlueTooth" oder WLAN, die Computer miteinander vernetzen, werden das Problem verstärken.
Trotzdem liegt all diese Strahlung unter den gesetzlichen Grenzwerten.
VON KLITZING: Als die Grenzwerte festgelegt wurden, dachte man nur an die thermische Wirkung. Mit der 26. Bundesimmissionschutzverordnung hat sich nichts geändert. Die in der biologischen Wirkung besonders kritische Modulationsart wurde nicht entsprechend berücksichtigt.
Wie reagiert der Mensch auf diese Strahlung?
VON KLITZING: Es fängt mit Kopfschmerzen oder Schlaf- und Konzentrationsstörungen an. Dann kommen Ohrensausen und Herzrhythmus-Störungen hinzu, bei Kindern auch ein verändertes Blutbild. Das Krankheitsbild hängt von der Vorbelastung des Einzelnen ab.
Würde Mobilfunk auch mit geringerer Strahlung funktionieren?
VON KLITZING: Natürlich. Aber die Kunden wollen ja aus der Tiefgarage oder dem Keller telefonieren. Die Politik tut sich schwer, Grenzwerte zu senken, weil die Industrie einen erheblichen Konsummarkt sieht und zudem Angebote wie digitales Fernsehen und digitalen Rundfunk einführen will.
Kann man sich dem Elektro-Stress entziehen?
VON KLITZING: Manche flüchten in Gebiete mit wenig Strahlung. Solche gibt es noch in Deutschland, wenn auch täglich weniger. Zu Hause kann man sich durch Abschirmmaterialien und metallbedampfte Fenster schützen. Dazu braucht es aber einen Fachmann.