30 Meter entfernt vom Schlafzimmer der Wohnung von Günther Roth und seiner Frau wurde vor drei Jahren eine Mobilfunk-Basisstation errichtet. Günther Roth in einem Telefonat mit mir: "Um fünf Uhr früh waren wir schon auf 180, konnten nicht mehr einschlafen. Drei Monate, nachdem der Mast aufgestellt war, fing es an."
Seit Anfang 1999 können die Roths wieder schlafen. Der Sender wurde im September 1998 abgeschaltet. Alles Einbildung? Günther Rom ist kein gewöhnlicher Sterblicher. Er ist Universitätsprofessor und Dekan der juridischen Fakultät der Universität Innsbruck. Er besprach das mit einem Physiker. Der sagte:
"Ich habe alles nachgerechnet. Es kann nichts sein." Was hat er nachgerechnet? Ob die Grenzwerte eingehalten wurden? Den Abstand zum Sender? Kennt er die ganze Bibliothek von Studien und Literatur, die mittlerweile zum Thema elektromagnetische Strahlung vorliegen? Faktum: Der Dekan ist verunsichert, auch wenn er jetzt wieder schlafen kann. Am 21. April 1999 nahm er an der Podiumsdiskussion zum Thema "Mobiltelefon - die totale Kommunikation. Diskussion möglicher Ängste und Risiken" teil und hielt ein Impulsreferat über juridische Aspekte. Tenor: "Das Telekommunikationsgesetz sieht keine Parteienstellung vor... Es wird dem Gesetzgeber empfohlen, diesen Zustand zu ändern und den Betroffenen ein Anhörungsrecht zuzubilligen" (zit. aus P. Brunner, 1999).
Dass Mobilfunkstrahlung das Schlafverhalten verändert, berichten nicht nur Betroffene sonder Zahl. Auch wissenschaftliche Studien belegen das deutlich (siehe z.B. Kapitel "Von Fall zu Fall"). Klaus Mann und Joachim Röschke von der Psychiatrischen Klinik der Universität Mainz haben 1996 an Probanden nachgewiesen, dass nach dem GSM-Standard (217 Hz) gepulste 900-MHz-Strahlung zu einer teilweisen Unterdrückung der REM-Schlafphasen führt. REM steht für Rapid Eye Movements, weil sich in dieser Phase die Augen unter den geschlossenen Lidern rasch und zuckend bewegen. Die REM-Phase ist die für die Verarbeitung der Tageseindrücke und die Vernetzung von Informationen im Gehirn so wichtige Traumschlafzeit, also auch eine für die psychische Gesundheit enorm wichtige Periode. Die REM-Phasen wechseln mehrmals pro Nacht mit Tiefschlafphasen ab.
Klaus Mann und Joachim Röschke konnten zeigen, dass in Summe der Anteil des REM-Schlafes unter der Einwirkung der Felder von 17 auf 14% zurückging. 14 männliche Probanden zwischen 21 und 34 Jahren nahmen an der Studie teil. Ein digitales Funktelefon wurde am Kopfende des Bettes in einem Abstand von 40 Zentimetern zum Scheitelpunkt des Kopfes installiert. Die Feldintensität war so schwach (0,05 mW/cm2), dass keine thermischen Wirkungen auftreten konnten. (Der Grenzwert der Leistungsdichte liegt bei 0,6 mW/cm2.) Die Gehirnaktivität während des Schlafs wurde mit einem EEG aufgezeichnet, in zwei Nächten, jeweils zwischen 23.00 und 7.00 Uhr. In der einen Nacht war das Handy eingeschaltet, in der anderen nicht - natürlich ohne dass die Probanden das wussten.
Zugleich stellten die Wissenschaftler eine seltsame Wirkung der Handy-Strahlung fest. Sie erzeugte eine hypnotische Wirkung, die das Einschlafen beschleunigte. Resümee von Klaus Mann und Joachim Röschke: "Schlaf ist ein komplexer, zentralnervös gesteuerter physiologischer Prozess, der sehr empfindlich auf äußere Einflüsse reagiert und von großer Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlbefinden ist. Damit können eventuell auftretende Veränderungen des Schlafes unter dem Einfluss elektromagnetischer Felder Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen mit dem menschlichen Organismus geben."
Der deutsche Arzt Hans-Christoph Scheiner aus München (1998; Risiko Mobilfunk, 1999:5.3.3) stellt die Frage in den Raum, ob "Handys bzw. Mobilfunksender womöglich als 'psychotrope' Faktoren anzusehen sind, die auf unsere Psyche ähnlich wirken wie etwa Drogen oder Psychopharmaka". Unter diesem Aspekt, deponiert Scheiner, wäre "die vielfältige Zunahme von Panikattacken, Neurosen und Psychosen neu zu diskutieren". Dass hier mehr geforscht werden muss, ist wohl unbestritten.
Klaus Mann und Joachim Röschke haben zusammen mit anderen Kollegen 1998 eine weitere Arbeit über die Effekte von gepulster Hochfrequenz-Strahlung elektromagnetischer Felder auf das neuroendokrine System vorgelegt. Stück für Stück, Mosaikstein für Mosaikstein ergibt sich so ein Bild der Einflüsse des Mobilfunksystems auf das menschliche Gehirn, das auch die Betreiber nicht länger leugnen können.
Im FMK-"Weißbuch" (1998,6.2) werden die Schlaf versuche an der Universität Mainz aus der Perspektive der Netzbetreiber und Handy-Erzeuger sowie des Fachverbandes der Elektro- und Elektronikindustrie so kommentiert: "Andere Wissenschaftler stellen zu Recht fest, dass die Leistung des verwendeten Mobilfunkgerätes mit 8 Watt jenseits der Wirklichkeit liege: In Österreich senden GSM900-Handys mit 20 mW (Milliwatt) bis 2 Watt. Das sind jedoch Spitzenwerte; im Mittel wird nur mit einem Achtel davon gesendet. GSM1800-Mobiltelefone sind mit l Watt Spitzenleistung begrenzt. Zudem habe man die Versuchspersonen dem elektromagnetischen Feld acht Stunden ausgesetzt, was ebenfalls nicht der Praxis entspreche. Niemand telefoniere so lange."
Und: "Die Verfasser haben diese Einwände zum Anlass genommen, ihre Versuchsreihe unter veränderten, drastisch erhöhten Feldstärken zu wiederholen, und danach festgestellt, dass es im neuen Design zu keiner statistisch signifikanten Verkürzung der Einschlafphase und zu keinem Effekt der Unterdrückung des REM-Schlafes kommt."
Wie so oft, steht auch in diesem Fall im FMK-"Weißbuch" nur die Hälfte -und die ist oft unrichtig. Es gab tatsächlich eine Folgeuntersuchung mit geänderten Versuchsbedingungen. So wurde z.B. die Strahlungsdichte von 0,5 auf 0,2 W/m2 gesenkt (Grenzwert WHO/Österreich für 900-MHz-Felder: 6 W/m2, Deutschland: 4,5 W/m2). Die neue Studie wurde übrigens von der Deutschen Telekom, also einem Netzbetreiber, gesponsert (H. Holzinger, 1998:17). Die REM-Schlaf-Phase war diesmal von rund 100 auf 95 Minuten verkürzt. Schlussfolgerung der Autoren: "Wir glauben daher, dass die Ergebnisse der Folgestudie nicht im Widerspruch zu jenen der ersten Studie stehen" (P. Wagner u.a., 1998:202). Die Ergebnisse, so die Autoren, stimmten auch mit anderen Studien überein, die eine Veränderung des Schlafverhaltens durch elektromagnetische Felder festgestellt hätten.
Zitiert werden Arbeiten von M. Reite u.a. (1994) und R.Sandyk u.a.(1992).