Absolution für Radio Vatikan

Die Menschen in dem italienischen Städtchen Santa Maria di Galeria wunderten sich und lauschten anfangs knieend, wie im Kühlschrank, am Heizungsrohr und manchmal auch im Telefon die Stimme von Radio Vatikan zu vernehmen war. Im kleinen Vorortzug gingen plötzlich die Lichter in den Abteilen an, sobald er an den mächtigen Sendeanlagen vorbei fuhr. Tief beeindruckt, aber nicht ohne eine gewisse Zivilcourage eilten sie statt zum nächsten Pfarrer zur Polizei und erstatteten Anzeige gegen den Betreiber der nahe gelegenen Sendeanlage: den Vatikan.

Seit 1957 steht die Hauptsendeanlage von Radio Vatikan zwischen den Gemeinden Santa Maria di Galeria und Cesano. 34 Antennen, bis zu hundert Meter hoch, über die in 47 Sprachen rund um die Uhr Radio Vatikan Dutzende religiöse Programme in die ganze Welt sendet. Dazu braucht es starke Sendeanlagen.

Ein lokaler Arzt berichtete schon Ende der Neunziger über Merkwürdigkeiten in Santa Maria. Die Zahl der Leukämiefälle von Kindern liege um ein Drittel höher als anderswo. Um die riesigen Antennenfelder für Kurzwellensendungen von Radio Vatikan vor den Toren Roms waren bis vor einigen Jahren Elektrosmog-Werte gemessen worden, die deutlich über dem gesetzlichen Limit lagen. Immer wieder hatte es Berichte über häufige Krebserkrankungen in der Gegend um die Stadt Cesano gegeben. Erst nach Protesten und politischem Druck gab Radio Vatikan nach und reduzierte die Strahlenbelastung. Zeitweise hatte es sogar Drohungen gegeben, dem Sender den Strom abzuschalten.

Am 9. Mai 2005 verurteilte ein römisches Gericht Kardinal Roberto Tucci, den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, und den früheren Sender-Direktor Don Pasquale Borgomeo zu je zehn Tagen Haft wegen "Beeinträchtigung der Lebensqualität" durch erhöhte Strahlenbelastung. Das Gericht in Rom setzte die Strafen allerdings zur Bewährung aus. Die Einwohner von Santa Maria di Galeria reagierten empört auf die milden Strafen des römischen Gerichts. "Das Gesetz ist nicht für alle gleich", kritisierten Bürgerrechtler, die die Radio Vatikan verklagt hatten. Italiens Umweltminister Altero Matteoli äußerte sich dagegen zufrieden, "dass der Fall zu einem Ende gekommen ist". Der Elektrosmog werde weiterhin kontrolliert.

Radio Vatikan legte Widerspruch gegen das Urteil ein. Im Mai 2007 hat eine höhere Instanz dieses Urteil auf landestypische Weise aufgehoben: In Italien gebe es den Straftatbestand "Elektrosmog" gar nicht, also könne er auch Lebensqualitäten nicht beeinträchtigen. Und als strafbare "Entsorgung von Gefahrengütern" könnten die Strahlen auch nicht angesehen werden.

Ein zweiter Prozess zu den Leukämiefällen ist noch anhängig. Bei dem wird Radio Vatikan keine Beeinträchtigung der Lebensqualität vorgeworfen, sondern Mord.



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