Elektrosmog: Gefahrenquellen am Arbeitsplatz

Erhöhtes Krebsrisiko

bei beruflicher Magnetfeldbelastung

Nach einer umfangreichen epidemiologischen Untersuchung aus Schweden ist das Krebsrisiko mit der EMF-Belastung am Arbeitsplatz assoziiert. Mit 2,4 Millionen Männern und Frauen stellt sie eine der größten Arbeitsplatzstudien zu diesem Thema dar.
Für alle Krebsarten zusammen wurde in mittel oder stark EMF-exponierten Berufsgruppen eine Zunahme des Risikos um 10 Prozent ermittelt, wobei vor allem hormonabhängige Tumoren auffällig waren. Die Assoziationen waren meistens gering, was jedoch bei sehr großen Studien häufig der Fall ist. Die Autoren vermuten eine Wechselwirkung zwischen elektromagnetischen Feldern und Hormon-/Immunsystem.

Erste Ergebnisse der nun in Cancer Causes and Control veröffentlichten Studie wurden von der Studienleiterin Dr. Birgitta Floderus bereits beim Jahrestreffen der Bioelectromagnetics Society (BEMS) 1995 in Boston vorgestellt (siehe Elektrosmog-Report, Dezember 1995). Während frühere Studien sich vor allem auf Leukämien und Hirnkrebs und selten auf einzelne andere Krebsarten konzentriert hatten, erfasst diese Untersuchung erstmals alle Krebsarten. Es ging nicht um die Überprüfung einer Hypothese, sondern um die Sammlung von Informationen als Ausgangsbasis für weitere Untersuchungen.

 

Verwendung einer Job-Expositionsmatrix

Die Studie des Karolinska-Instituts in Stockholm und des Instituts für das Arbeitsleben in Solna umfasste alle schwedischen Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 64 Jahren im Jahre 1970, die berufstätig waren und einen in einer Job-Expositionsmatrix aufgeführten Beruf ausübten. Das waren etwa 1.600.000 Männer und 800.000 Frauen. Es wurde die Krebshäufigkeit in den Jahren 1971 bis 1984 in Relation zur beruflichen elektromagnetischen Belastung untersucht.

Die bereits für eine frühere Untersuchung angefertigte Job-Expositionsmatrix umfasst die 100 häufigsten Berufe in Schweden und teilt diese entsprechend der EMF-Belastung drei Gruppen ein. Die Matrix basierte auf Messungen an mehr als 1.000 Beschäftigten, die während der Arbeit ein Dosimeter getragen hatten. Für die vorliegende Untersuchung wurden für weitere 10 Berufe mit vermuteten vergleichsweise hohen EMF-Expositionen solche Messungen durchgeführt. Zu den gering belasteten Jobs zählen danach beispielsweise Landwirte, Förster, Tischler, Krankenschwestern und Grundschullehrer, zu den mittelstark belasteten Techniker, Architekten, Lackierer, Maler, Sekretärinnen und Kellnerinnen, zu den stark belasteten Elektriker, Elektroingenieure, Maschinenmechaniker und -monteure, Köche und anderes Küchenpersonal, Schneiderinnen und Kassiererinnen.

 

Assoziationen für viele Krebsarten

Wurden alle Krebsarten zusammen betrachtet, so ergab sich für die Personen in den als mittelstark und stark eingestuften Berufen ein um 10 Prozent erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Die meisten Assoziationen zwischen einzelnen Krebsarten und EMF waren schwach (siehe Tabellen 1 und 2 für Männer und Frauen). Bei großen Kohortenstudien, so diskutieren die Autoren der Studie, würden meistens nur schwache Zusammenhänge gefunden. Die Expositionsabschätzung habe sicherlich nicht präzise sein können, was zu vielen Fehlklassifikationen geführt habe. Zudem habe man die häusliche Belastung nicht einschließen können. Solche Einschränkungen führten zu einer erheblichen Unschärfe in der Erfassung der Realität.

Zu den Krebsarten mit einem statistisch signifikant erhöhten Risiko zählten bei den Männern Krebse von Dickdarm, Leber, Kehlkopf, Lunge, Hoden, Nieren, ableitenden Harnwegen, malignes Melanom, andere Hautkrebse, und Astrozytome III-IV (ein Hirntumor) (siehe Tabelle 1). Bei den Frauen waren unter anderem Krebsarten folgender Organe mit elektromagnetischen Feldern assoziiert: Lunge, Brust, Gebärmutter, malignes Melanom und chronisch lymphatische Leukämie (siehe Tabelle 2).

Weniger Assoziationen bei Frauen als bei Männern
Es wurden weniger Assoziationen zwischen EMF und Krebs bei Frauen als bei Männern gefunden. Dies könne daran gelegen haben, vermuten die Autoren, dass die Job-Expositionsmatrix nur mit männlichen Beschäftigten entwickelt worden war und möglicherweise nicht die gleiche Gültigkeit für Frauen besitze. Im stark belasteten Kollektiv seien die Frauen durchschnittlich niedriger EMF-exponiert gewesen als die Männer. Der Unterschied könne zudem darauf beruhen, dass sich die Arbeitsumgebung der Geschlechter unterscheide und Frauen seltener industriellen krebsauslösenden Substanzen ausgesetzt seien, oder auch auf einer geschlechtsabhängigen Empfindlichkeit für Zwischenfaktoren wie zum Beispiel Östrogene.

Keine Dosis - Wirkungsbeziehung
Es bestehen kaum Unterschiede zwischen den mittelstark und stark belasteten Kollektiven. Diese fehlende Dosis-Wirkungsbeziehung könne bedeuten, dass die Assoziation keine ursächliche Beziehung darstelle. Eine andere Erklärung sei die, dass in der Realität kein relevanter Unterschied zwischen den beiden Expositionsklassen besteht, etwa weil in der mittleren Gruppe die Expositionen unterschätzt wurden und in der höheren überschätzt.

Tabelle 1: Die relativen Risiken für einige Krebsarten in der mittel und stark EMF-exponierten Gruppe: Männer (1971-1984). Ausgewählt sind überwiegend Tumorarten mit durch EMF erhöhtem Risiko.

Mittlere Exposition
(0,084-0,115 µT)
Starke Exposition
(> 0,116 µT)
  Anzahl RR 95%-KI Anzahl RR 95%-KI
Alle Krebse 25.245 1,1 1,1-1,1 26.600 1,1 1,1-1,1
Dickdarm 1.755 1,2 1,1-1,2 1.774 1,2 1,1-1,3
Lunge 2.817 1,2 1,1-1,2 2.999 1,3 1,2-1,3
Prostata 3.640 1,1 1,1-1,2 3.409 1,1 1,0-1,2
Hoden 304 1,3 1,1-1,5 303 1,1 1,0-1,4
Nieren 1.321 1,2 1,1-1,3 .1343 1,2 1,1-1,3
Melanome 1.197 1,6 1,4-1,7 1.097 1,4 1,2-1,5
Leber 539 1,2 1,1-1,4 588 1,3 1,2-1,5
ALL 36 1,8 1,0-3,0 32 1,5 0,9-2,7

Anzahl: Anzahl der Krebserkrankten
RR: Relatives Risiko
95%-KI: 95%-Konfidenzintervall
ALL: Akute lymphoblastische Leukämie

Beispiel: Ein RR (relatives Risiko) von 1,1 für alle Krebsarten bedeutet ein um 10 Prozent erhöhtes Risiko gegenüber dem Risiko in der Vergleichgruppe der niedrig exponierten Berufe. Ein RR von 1,2 für Dickdarmkrebs bedeutet ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko, etc. Schließt das 95%-Konfidenzintervall die 1 nicht ein (z.B. 1,1-1,4), so handelt es sich um signifikant erhöhtes Risiko, was für fast alle hier aufgeführten Krebsarten gilt.


Tabelle 2: Die relativen Risiken für einige Krebsarten in der mittel und stark EMF-exponierten Gruppe: Frauen (1971-1984)

Mittlere Exposition
(0,084-0,115 µT)
Starke Exposition
(> 0,116 µT)
  Anzahl RR 95%-KI Anzahl RR 95%-KI
Alle Krebse 19.204 1,1 1,0-1,1 23.424 1,1 1,0-1,1
Lunge 409 1,1 1,0-1,3 646 1,2 1,1-1,4
Brust 4.234 1,2 1,2-1,3 4.866 1,1 1,0-1,1
Gebärmutterhals 667 1,0 0,9-1,1 909 1,1 1,0-1,2
Gebärmutter 938 1,1 1,0-1,2 1.368 1,1 1,0-1,2
Melanom 576 1,3 1,2-1,5 657 1,2 1,1-1,4
CLL 55 1,6 1,0-2,3 87 1,7 1,2-2,4

Anzahl: Anzahl der Krebserkrankten
RR: Relatives Risiko
95%-KI: 95%-Konfidenzintervall
CLL: Chronisch lymphatische Leukämie

 

Altersabhängigkeit der Krebspromotion

Die Forscher untersuchten die Frage, ob EMF bei jungen und alten Menschen einen unterschiedlichen Effekt auf die Krebshäufigkeit hat. Dabei wurden die Kollektive in zwei Gruppen - vor und nach dem 50. Lebensjahr - geteilt. Es zeigte sich, dass die relativen Risiken für einige Krebsarten nur bei den über 50jährigen erhöht waren. Für ältere Männer war das EMF-abhängige Risiko, an einem Krebs des Leber, des Kehlkopfes, der Lunge, der Nieren oder Harnorgane bzw. am malignem Melanom zu erkranken, erhöht. Einzig der Hodenkrebs wies bei den jüngeren Männern ein erhöhtes relatives Risiko auf. Bei den Frauen wiesen die älteren ein höheres EMF-abhängiges relatives Risiko auf für chronisch lymphatische Leukämie, malignes Melanom, Astrozytom III-IV und Lungenkrebs.

Wirkungen auf Hormone oder Immunsystem?
Die Ergebnisse der Untersuchung stimmen nach Ansicht der Autoren mit dem Vorschlag eines hormonabhängigen Mechanismus überein. So wurde Hodenkrebs in Verbindung mit Östrogenen gebracht. Östrogene spielen zudem eine Rolle bei Gebärmutterkrebs und Brustkrebs. Auch bei anderen hier auffälligen Krebsarten scheinen Hormone eine Rolle zu spielen, wie beim malignem Melanom, einem bösartigen Hautkrebs, und beim Prostatakrebs. Bei hormonabhängigen Karzinomen reagiert das Tumorgewebe auf die Hormone mit unkontrolliertem Wachstum. Es ist bisher unbekannt, wie oder was dieses unkontrollierte Wachstum - im Gegensatz zu normalem Wachstum - auslöst.

Tumorarten mit Zunahme in den letzten Jahren auffälliger
Die Häufigkeit einiger Krebsarten hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Die Ursachen dafür sind weitgehend unbekannt. Interessanterweise fanden Floderus und Kollegen ein besonders hohes Risiko bei Krebsarten, die zwischen 1965 und 1984 die größten jährlichen Zuwachsraten in Schweden aufwiesen. Dazu zählen Leber-, Lungen- und Hautkrebs, Non-Hodgkin-Lymphome, Hodenkrebs und Prostatakrebs bei Männern sowie Brustkrebs bei Frauen. Bei diesen Krebsarten lag die Zunahme des EMF-abhängigen relativen Risikos bei insgesamt 20 Prozent (gegenüber 10 Prozent für alle Krebsarten). Floderus wollte sich in einem Interview mit der Zeitschrift Microwave News nicht zu der Frage äußern, ob dies bedeuten könne, dass die Zunahme dieser Krebsarten in den letzten Jahrzehnten zum Teil auf der Zunahme der Exposition mit EMF beruht haben könne.

Schlussfolgerung
Die schwedischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass der beobachtete Zusammenhang nicht zufällig ist, da die statistische Genauigkeit sehr hoch sei. Wegen der ungenauen Erfassung der realen Expositionsumfänge bei den in die Studie aufgenommenen Personen sei der Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Krebs sogar eher unter- als überschätzt worden. Allerdings müsse das nicht unbedingt heißen, dass die Assoziation zwischen EMF und Krebs eine ursächlicher sei. Vielmehr könne der Zusammenhang möglicherweise auch durch andere Faktoren bedingt sein.

Literatur:

  1. Floderus, B., Stenlund, C., Persson, T.: Occupational magnetic field exposure and site-specfic cancer incidence: a Swedish cohort study. Cancer Causes Control 10, 3232-332 (1999:
  2. Large Swedish occupational study suggests EMFs may affect hormone-related cancers. Microwave News 19 (6), S. 2-3 (1999).
  3. Leicht erhöhtes Risiko für viele Krebsarten bei beruflich EMF-Exponierten. Elektrosmog-Report, Dezember 1995.

 

 



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