35. EIne Bürgerinitiative auf Hochspannung

Eine Bürgerinitiative zwischen Hochspannungsleitungen

"In unserem neuen Wohngebiet, dass sehr schön an einem Hang in der Nähe von W. liegt, hat sich eine Bürgerinitiative gebildet. Als deren Sprecherin bitte ich Sie um Rat. In unserem Wohngebiet wurden seit 1992 bis jetzt fast 100 Häuser zwischen zwei Hochspannungsleitungen mit 110 KV bzw. 220 KV gebaut. Viele Häuser stehen nur 30 Meter, manche sogar nur 10 Meter von diesen Leitungen entfernt.

Wir Mütter treffen uns natürlich oft am Kinderspielplatz, und so haben wir im Laufe der Jahre in den Gesprächen unsere Erfahrungen und Beobachtungen auch hinsichtlich der Gesundheit unserer Kinder ausgetauscht. Viele Mütter sind der Meinung, dass ihre Kinder, der Mann oder sie selbst, dort wo sie früher gewohnt hatten, gesünder waren. Manche haben den Verdacht, dass die Hochspannungsleitungen daran Schuld sind. Es gab in unserem kleinen Wohngebiet bereits zwei leukämiekranke Kinder und eines ist mit 8 Jahren an einem Gehirntumor gestorben. Auch sind zweimal kleine Kinder am plötzlichen Kindestod gestorben, für den es keine Erklärung gibt. Auch unter den Erwachsenen gibt es, wie wir meinen, auffällig viele Fälle, in denen jemand zwischen 30 und 50 Jahren an Herzversagen, Gehirntumor oder Krebs erkrankt bzw. gestorben ist.

Diese auffällige Häufung schlimmer Erkrankungen und Todesfälle macht uns Sorgen und deshalb haben wir die Bürgerinitiative gebildet. Da wir nicht aus eigenen finanziellen Mitteln in der Lage sind, eine gründliche Untersuchung unseres Verdachts, dass die Hochspannungsleitungen mit Schuld an den vielen gesundheitlichen Beschwerden und Todesfällen sind, zu bezahlen, versuchen wir vorerst, anhand vorhandener Studien Klarheit zu gewinnen.

 

Können Sie uns dabei helfen?

Im Jahre 1992 veröffentlichten Maria Feychting und Anders Ahlbom vom schwedischen Karolinska-Institut die bislang umfangreichste Studie zum Thema Hochspannungsleitungen und Krebs, die weltweit für Aufsehen sorgte. Das zugrundeliegende Datenmaterial ist besser als bei allen bisherigen Studien, die weltweit zur Klärung dieser Zusammenhänge bereits durchgeführt wurden. Anstelle des früher benutzten Verkabelungscodes konnten die schwedischen Wissenschaftler Stromverbrauchsdaten heranziehen, aus denen sich ergibt, wieviel Strom im Jahr durch die Hochspannungsleitungen geflossen ist.

Für die Haushalte in der Nähe der Hochspannungsleitungen lässt sich daraus ein Jahresmittel für die magnetische Feldstärke berechnen. Je nach Abstand der Wohnungen von der Freileitung konnten so verschiedene Expositionsklassen ermittelt werden. Etwa 440.000 Personen, die zwischen 1960 und 1985 länger als ein Jahr in einer Entfernung von 300 m oder weniger von schwedischen Hochspannungsleitungen wohnten, wurden in die Studie einbezogen.

Das auffälligste Ergebnis der Untersuchung ist, dass das Leukämierisiko für Kinder, die in der Nähe von Hochspannungsleitungen leben, erhöht ist - und zwar steigt es mit zunehmender Stärke des kalkulierten Magnetfeldes. Bei 200 Nano-Tesla Magnetfeldstärke ergab sich eine Erhöhung des Leukämierisikos um den Faktor 2,7 und bei 300 Nano-Tesla um den Faktor 3,8. Damit ist ein Hinweis auf eine Dosis-Wirkungs-Relation gegeben, die in vielen älteren Studien nicht gefunden wurde. Feychting und Ahlbom rechneten ihre Ergebnisse auch auf die Entfernung zu Hochspannungsleitungen um: Kinder, die in einem Abstand von weniger als 50 m von der Hochspannungsleitung leben, wiesen ein um den Faktor 2,9 erhöhtes Leukämierisiko auf. Bei Erwachsenen hingegen konnten die Wissenschaftler keine signifikante Erhöhung des Krebsrisikos finden.

Problematisch bleiben, worauf Ahlbom selber hinweist, auch in dieser Studie die sehr kleinen Fallzahlen: Insgesamt lagen nur 142 Fälle von Kinderkrebs vor. In der höchsten Expositionsgruppe (300 Nano-Tesla) muss sich die Studie auf lediglich sieben Leukämiefälle stützen. Die geringen Fallzahlen resultieren vor allem daraus, dass Kinderleukämie eine sehr seltene Krankheit ist. In einer anderen Studie wurden 486.000 Menschen, die beruflich regelmässig starken elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind, im Staat Washington untersucht. 60 % zeigten eine höhere Leukämierate und über 75 % eine höhere Lymphdrüsenkrebsrate als die von diesen Einflüssen unbelastete Kontrollgruppe.

Das absolute Krebsrisiko durch Hochspannungsleitungen ist im Vergleich zu anderen Krebsrisiken relativ klein. Feychting schätzt das zusätzliche kindliche Leukämierisiko durch elektromagnetische Felder in der Nähe von Hochspannungsleitungen auf 1 von 20.000 Kindern pro Jahr. Bei etwa 12 Millionen Kindern in Deutschland, von denen ca 1,5 % (=180.000) in der Nähe von Hochspannungleitungen wohnen, wären dies 9 zusätzliche Leukämiefälle pro Jahr.

Man muss allerdings bedenken, dass sich zwischen zwei Hochspannungsleitungen unter bestimmten Umständen magnetische Flussdichten entwickeln können, die weitaus stärker sind, als die in der oben erwähnten schwedischen Studie. In Wohngebieten, die mit Ihrem vergleichbar sind, haben wir magnetische Wechselfelder mit einer magnetischen Flussdichte von über 3000 Nano-Tesla in einigen Häusern gemessen. Seitens der Bewohner wurde ebenfalls über auffällige Häufungen von Erkrankungen und Todesfällen berichtet.

außerdem muss berücksichtigt werden, dass Hochspannungsleitungen in den letzten Jahren und in der nächsten Zukunft zunehmend als Antenne für die von Hochfrequenz-Sendeanlagen ausgestrahlten Mikrowellen funktionieren. Im Nahbereich von Hochspannungsleitungen ist die Mikrowellenintensität weitaus stärker als in größerer Entfernung, da die Hochspannungsleitungen die antennenartig aufgefangenen Mikrowellen auch wieder abstrahlen.

In einem weitaus größeren Ausmass als Krebs- und Leukämieerkrankungen sind aufgrund unserer Untersuchungen bei Menschen, die im Nahbereich von Hochspannungleitungen wohnen, folgende gesundheitliche Beschwerden festzustellen:

Nervosität, Kopfschmerzen, unerklärliche Stresserscheinungen, ständige Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Vitalitäts-verlust, unruhiger, oberflächlicher Schlaf nach einer kurzen Tiefschlafphase, Depressionen und Aggressionen, geringe psychische und körperliche Belastbarkeit, Erbgutschäden, Missbildungen, Komplikationen während einer Schwangerschaft, Reaktionsverzögerungen, schlechtes Kurzzeit-Gedächtnis, physiologische Auswirkungen auf das Blutbild.

Die Quellenangaben der inzwischen sehr zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten, in denen die oben genannten gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlungsbelastung untersucht wurden, sind u.a. in folgenden Büchern zu finden:

"Elektrischer Strom als Umweltfaktor" von Prof. Dr.-Ing. Herbert L. König und Enno Folkerts; Pflaum Verlag, München 1992

 

Empfohlene Maßnahmen

Die Messungen der magnetischen Flussdichte ergaben in den meisten Häusern auch bei vollständig abgeschalteter Elektroinstallation ständige elektromagnetische Strahlenbelastungen durch die Hochspannungsleitungsleitungen von zum Teil weit über 250 Nano-Tesla. Nachdem das zuständige Elektrizitätswerk es ablehnte, eine Erdverkabelung oder andere Maßnahmen zur Verringerung der magnetischen Flussdichte durchzuführen, haben einige Familien ihre Häuser verkauft, zehn Familien haben Strafantrag wegen Körperverletzung bei der zuständigen Staatsanwaltschaft gestellt.

 

Was erreicht wurde

Die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wurden mit der Begründung eingestellt, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beschwerden der Betroffenen und der elektromagnetischen Strahlenbelastung durch die Hochspannungsleitung nicht zweifelsfrei den naturwissenschaftlichen Anforderungen genügend nachgewiesen werden kann.

 

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