23. Die Bahn kommt

Hormonstörungen durch Magnetfelder der Bahn?

Frage:
"Ich bin 41 Jahre alt, und leide seit drei Jahren unter Beschwerden, die eigentlich typisch für die Wechseljahre sind. Wir, d.h. mein Mann und zwei Töchter im Alter von 12 und 14 Jahren, wohnen seit 10 Jahren in einem Einfamilienhaus in der Nähe der vielbefahrenen Bahnstrecke zwischen München und Salzburg. An die Zuggeräusche habe ich mich eigentlich gewöhnt. Aber ich wache morgens immer wie gerädert auf und kann meinen Haushalt nur mit großer Mühe bewältigen. Mein Mann ist 46 Jahre alt und nach dem zweiten Herzinfarkt (an einem Wochenende zuhause!) frühpensioniert. Ich habe überhaupt keine Freude mehr am Leben, obwohl ich eigentlich früher immer unternehmungslustig war. Weil ich immer so schlecht einschlafen kann und Depressionen habe, trinke ich in der letzten Zeit zuviel Alkohol. Ich habe schon Angst, zur Alkoholikerin zu werden. Tabletten muss ich auch immer mehr nehmen, damit ich überhaupt noch zurecht komme.

Nun war ich beim Frauenarzt. Er hat festgestellt, dass mein Hormonhaushalt total gestört ist. Ich habe gelesen, dass auch von den Bahngleisen und den elektrischen Oberleitungen Strom ausgeht, der gesundheitliche Störungen bei Menschen verursachen kann, die in der Nähe wohnen. Unser Haus steht nur 30 Meter von der Bahnstrecke entfernt. Wir möchten gerne, dass Sie bei uns messen, ob wir auch davon betroffen sind. Auch bei unseren Nachbarn, die in derselben Strasse entlang der Bahnstrecke wohnen, gibt es gesundheitliche Beschwerden, bei denen kein Arzt helfen kann. Fast in jedem Haus ist in den letzten zehn Jahren jemand an Krebs gestorben. Ein Mädchen mit 12 Jahren an einem Gehirntumor. Kann es sein, dass meine Hormonstörungen mit dem Strom von der Bahn zu tun haben?"

Antwort:
Elektrische und magnetische Felder beeinflussen den Hormonhaushalt des Menschen. Das zeigt die Forschung auf diesem Gebiet immer deutlicher. Dieser Einfluss ist vielleicht die wesentlichste Wirkung elektromagnetischer Felder überhaupt und auch die Ursache für eine Reihe gesundheitlicher Störungen.

Besonders betroffen ist das Hormon Melatonin, das in der Zirbeldrüse gebildet wird. Normalerweise finden wir beim Menschen einen ausgeprägten nächtlichen Anstieg des Melatoninspiegels. Elektrische und insbesondere magnetische Felder, die während der Nachtruhe im Kopfbereich des Menschen wirken, vermindern die Melatoninausschüttung. Dieser vielfach nachgewiesene Effekt wurde jüngsten Arbeiten zufolge bereits bei Magnetfeldern beobachtet, wie sie im Wohnbereich z.B. durch Elektrogeräte oder Hochspannungsleitungen bzw. Bahnstrom auftreten können.

Die gesundheitlichen Auswirkungen eines verminderten nächtlichen Melatoninspiegels können vielfältig sein. Als wichtigste werden Störungen des Biorhythmus, Schlafstörungen, Müdigkeit, Depressionen, Immunschwäche und eine verminderte Krebsabwehr genannt. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigt, dass auch das Gehirn- und Nervensystem betroffen sind.

Entlang von Bahnstrecken leben viele Menschen, die über ähnliche gesundheitliche Störungen, psychische Belastungen und deren Auswirkungen auf die finanziellen, beruflichen und familiären Verhältnisse klagen.

Untersuchungen in Häusern im Nahbereich von Bahnhöfen und elektrifizierten Bahnstrecken lassen erkennen, dass die dort lebenden Menschen wahrscheinlich gesundheitlich mehr geschädigt werden und ihre Lebensqualität sowie Leistungsfähigkeit weit mehr beeinträchtigt ist, als bei Menschen, die im Bereich von Hochspannungsleitungen und Umspannwerken leben. Trotzdem sind diese Zusammenhänge bisher weniger erforscht worden.

Die stromführenden Oberleitungen an elektrifizierten Bahnstrecken sind dabei meistens nicht einmal das Hauptproblem, sondern die Rückströme, die über die Bahngleise fliessen. Deren 16 2/3 Hz-Frequenz ist oft noch in Häusern nachweisbar, die mehrere Hundert Meter seitlich von den Bahngleisen stehen. Ursache dafür kann z.B. sein, dass in geringer Entfernung neben den Bahngleisen Wasser-, Gas- oder Fernheizungs-Leitungen aus Metall verlaufen, die die von den Bahngleisen verursachten magnetischen Wechselfelder aufnehmen und über das Rohrleitungsnetz in alle damit verbundenen Häusern schleppen.

 

Empfohlene Maßnahmen

In vielen derartigen Fällen konnte eine mehr oder weniger große Verringerung der magnetischen Flussdichte im Haus dadurch erreicht werden, dass z. B. hinter der Wasseruhr ein Stück der Metall-Wasserleitung gegen ein Stück aus Kunststoff ausgetauscht wurde. Dadurch wird der Stromfluss unterbrochen, der vorher von aussen über die Wasserleitung ins Haus gelangte. Allerdings muss in den Fällen, in denen die Wasserleitung zur Erdung verwendet wurde, eine Ersatzlösung gefunden werden; was allerdings in den meisten Fällen kein Problem ist. Bei Häusern im Nahbereich von elektrifizierten Bahnlinien führt diese Massnahme allerdings nicht immer zu einer spürbaren Verringerung, weil die von den Bahngleisen ausgehenden magnetischen Wechselfelder das Erdreich und die Hauswände durchdringen.

 

Was erreicht wurde

Durch den empfohlenen Einbau eines Kunststoff-Isolierstücks in die Wasserleitung konnte die magnetische Flussdichte im Haus auf ca. 60 % verringert werden. Dennoch war die Restbelastung so hoch, dass nach einer anfänglich als sehr angenehm verspürten Verbesserung immer noch keine zufriedenstellende Schlafqualität erreicht wurde. Deshalb wurden die technischen Möglichkeiten der Installation einer Anlage zur Kompensation von Magnetfeldern im Haus geprüft. Mit einer solchen Anlage, die an der Technischen Universität München entwickelt worden ist, kann die magnetische Flussdichte im Haus und wenige Meter ums Haus herum unter günstigen Umständen auch im Nahbereich von Bahngleisen auf gesundheitlich unbedenkliche Werte unter 20 Nano-Tesla verringert werden.

 

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